NEWSLETTER-BEITRAG

Seelsorge in Zahlen: Nüchterne Trends und Zukunftsprognosen

Seelsorge in Zahlen: Nüchterne Trends und Zukunftsprognosen

Was sagen Zahlen über die Seelsorge aus? Eigentlich nichts, aber trotzdem lassen sich interessante Entwicklungen in der Struktur der Seelsorge beobachten und somit auch ein Blick in die Zukunft werfen.

Gemeinden in Seelsorgeräumen

Man könnte meinen, dass sich die Strukturen der Seelsorge in Deutschland in den letzten 25 Jahren gar nicht geändert haben. Die Pfarreigrößen z. B. sind erstaunlich konstant geblieben.

  • Im Jahr 2000 gab es bei 27 Mio. Katholiken 13.000 Pfarreien, die 27 Mio. Protestanten versammelten sich in 17.000 Pfarreien, also Kirchengemeinden mit eigenem Rechtsträger.
  • Bis zum Jahr 2025 sanken all diese Zahlen fast gleichmäßig: Nun gab es für 19 Mio. Katholiken 9.000 und für 17 Mio. Protestanten 12.000 rechtlich selbstständige Pfarreien.
  • Die durchschnittliche Pfarreigröße blieb somit katholischerseits durchgehend bei 2.100 Gläubige, in den evangelischen Landeskirchen sankt die Größe leicht von 1.600 auf 1.400 Gemeindeglieder.

Die Zahlen täuschen aber über die wirklichen Veränderungen hinweg, denn die Frage der Anzahl an Rechtsträgern ist für die Seelsorge nur zweitrangig: Im Jahr 2000 waren faktisch alle der 30.000 Kirchengemeinden für sich genommen eine selbstständige seelsorgerische Einheit:

  • Ein Pfarrer bzw. eine Pfarrerin, die meist nur für diese Gemeinde zuständig war.
  • Ein Kirchturm, ein Gemeindezentrum, ein Pfarrhaus, oft ein Kindergarten in lokaler Trägerschaft.
  • Eigenständige Erstkommunion-, Firm- oder Konfirmationsvorbereitung. Nur begrenzt Kooperation mit den Nachbarpfarreien.

Pfarreiengemeinschaften und Großpfarreien als Seelsorgeräume

All das ist bei den 21.000 Kirchengemeinden im Jahr 2025 eher die Ausnahme als die Regel. Hier gibt es zwei unterschiedliche Strukturmodelle:

  • Viele Pfarreien sind mit benachbarten Pfarreien zu einer Pfarreiengemeinschaft zusammengeschlossen. Die Bezeichnungen variieren zwischen Konfession und Region, aber die Strukturen ähneln sich: Ein Pfarrer, der mehrere Pfarreien leitet und von einem Team aus Seelsorgenden unterstützt wird. Enge Kooperation bei seelsorgerischen Angeboten, Verwaltungsaufgaben und ein mehr und mehr abgestimmter Gebäudebestand. „Zusammen wachsen!“ ein oft genutzter Slogan für die Entwicklung.
  • Anderenorts sind die Pfarreien durch Zusammenschlüsse stark gewachsen, so dass die „Großpfarreien“ mehrere rechtlich unselbstständige Gemeinden umfassen. Die Gemeinden haben meist eigene Gottesdienstorte und wie auch im anderen Modell seelsorgerische Angebote auf Gemeindeebene, es gibt aber auch hier ein übergreifendes Seelsorgeteam. „Zusammen wachsen!“ ist auch hier das Ziel.

Rechtlich betrachtet sind diese Modelle unterschiedlich, inhaltlich ähneln sie sich sehr. Es gibt Bistümer oder Landeskirchen, die eher das Modell der Pfarreiengemeinschaft wählen, in anderen haben sich Großpfarreien gebildet. Mancherorts gibt es kein einheitliches Zielbild, aktuell laufen fast überall Prozesse.

Seelsorgerisch relevanter als die Zahl der rechtlich selbstständigen Pfarreien ist somit die Anzahl und Größe dieser Seesorgeräume, ganz gleich in welchem der beiden Modelle strukturiert.

Entwicklung der Anzahl an Seelsorgeräumen

Wenn man die Anzahl der Seesorgeräume in den katholischen Diözesen addiert und die bereits kommunizierten Pläne für die nächsten Jahre berücksichtigt, so ergibt sich eine Anzahl von 1.904 Seelsorgeräumen in allen Diözesen, gerundet sei hier von 2.000 auszugehen. Die Durchschnittsgrößen variieren je Bistum. Auffällig ist, dass die Hälfte der Seelsorgeräume in den sieben bayrischen Diözesen liegen, dort aber nur gut ein Viertel aller deutschen Katholik/innen leben.

Die Entwicklung in den 20 evangelischen Landeskirchen läuft in eine ähnliche Richtung, auch dort entstehen verstärkt Seelsorgeräume. In den Blick gerät hierbei die „Mittelebene“: Die 20 Landeskirchen unterteilen sich wiederum in ca. 400 Kirchenkreise (regional z. T. auch anders bezeichnet). Deren Zahl entspricht fast genau der Summe aller staatlichen Landkreise und kreisfreien Städte. Aktuell sind es aber (noch) wenige Landkreise oder kreisfreie Städte, die einen einzigen Seelsorgeraum bilden.

Es gibt große Städte wie z. B. die Landeshauptstadt Düsseldorf, in denen auf dieser Ebene heute schon daran gearbeitet wird, sich jeweils in der ganzen Stadt als eine Pfarrei aufzustellen und sich als Seesorgeraum zu begreifen. Es gibt aber auch Regionen, in den bis heute die Seelsorgeräume deutlich kleiner sind. Ganz unrealistisch ist es nicht, evangelischerseits und deutschlandweit ebenfalls von heute 2.000 Seelsorgeräumen auszugehen.

Die Bildung von Seelsorgeräumen ist ein Paradigmenwechsel. Man spricht auch von der „postparochialen Kirche“, im evangelischen Bereich wächst der Gebrauch des Begriffs „transparochiale Kirche“. Die Seelsorgeräume als relevante Größe für Seelsorge und Pastoral sind heute um ein Vielfaches größer als die „selbstständigen“ Pfarreien des Jahres 2000. Bei je Konfession 2.000 Seelsorgeräumen ergeben sich Durchschnittsgrößen von fast 10.000 Gläubigen, gegenüber den Pfarreidurchschnittsgrößen von 2.000 Gläubigen im Jahr 2000. Vieles ändert sich. Ohne an dieser Stelle hier auf Einzelheiten einzugehen, hier ein paar Stichpunkte:

  • inhaltliche Zielgruppenorientierung,
  • abgestimmte Immobilienkonzepte,
  • multiprofessionelle Teamarbeit,
  • neue Ehrenamtsrollen,
  • verbindliche Netzwerkarbeit,
  • Verwaltungsprofessionalisierung.

Seelsorgende in den Seelsorgeräumen

Der Blick ins gesamte Seelsorgeteam lässt auch Entwicklungen erkennen:

  • Die Regelstudienqualifikation für Seelsorgerinnen und Seelsorger ist ein Vollstudium der Theologie. Der Trend an Studierendenzahlen ist konfessionsübergreifend ähnlich: Allein in den letzten 6 Jahren sank die Zahl der Studierenden im kath.-theologischen Vollstudium um fast 50% von 2.700 auf 1.400. In der evangelischen Theologie war der Rückgang prozentual fast genauso hoch.
  • Die Zahl der kath. Pastoral- und Gemeindereferent/innen stieg bis ca. 2015 auf insgesamt 9.000, sinkt seitdem aber wieder auf aktuell ca. 7.000. Die Zahl der katholischen Diakone beläuft sich auf 3.000, davon 1.000 im Hauptberuf und 2.000 mit Zivilberuf. Die Entwicklung der ev. Gemeindepädagog/innen und Diakon/innen sank im gleichen Zeitraum auch, von 10.000 auf 8.000. Das ist jeweils ein Rückgang von 20% in 10 Jahren. Die Altersstruktur in den Berufsgruppen deutet darauf hin, dass der Rückgang sich noch beschleunigen wird. Bei allen Berufsgruppen gibt es zudem einen signifikanten Anteil, der nicht in der Gemeindeseelsorge arbeitet, sondern in anderen Feldern.
  • Neben 4.000 katholischen Priestern im aktiven Dienst gibt es 2.000 Priester der Weltkirche. Deren Anteil von einem Drittel steigt langsam, weil die Anzahl der aktiven deutschen Diözesanpriester schneller sinkt als die der ausländischen Priester. Hier gibt es je Diözese aber große Unterschiede.
  • In den evangelischen Kirchengemeinden arbeiten heute 12.000 Pfarrerinnen und Pfarrer, 6000 weitere haben ein Funktionspfarramt in anderen Bereichen. Die Pensionierung der Babyboomer-Generation und geringe Nachwuchszahlen führen dazu, dass diese Zahlen sinken.
  • Die kath. Ordensschwestern in der Gemeindepastoral, die ev. Gemeindeschwestern oder Diakonissinnen gibt es heute nur noch vereinzelnd in der Pfarrseelsorge. In der Vergangenheit waren diese oft ein fester Teil der Gemeinde und dort seelsorgerisch-diakonisch aktiv.

Zahlen zu einem durchschnittlichen Seelsorgeraum

Über alle kath. Diözesen hinweg besteht im Durchschnitt der 2.000 Seelsorgeräume das Seelsorgeteam somit heute rechnerisch aus

  • zwei aktiven Diözesanpriestern,
  • einem Priester der Weltkirche,
  • einem Diakon und
  • drei Pastoral- bzw. Gemeindereferent/innen.

In einem der 2.000 evangelischen Seelsorgeräume wirken

  • sechs Pfarrerinnen und Pfarrer und
  • vier Gemeindepädagog/innen bzw. Diakon/innen.

Für beide Konfessionen gilt zudem gleichermaßen: Je Seelsorgeraum gibt es durchschnittlich jeweils knapp 10.000 Gläubige bei insgesamt 40.000 Menschen auf 200 km² Fläche mit 10 Kirchengebäude und fünf Kitas sowie eine halbe Schule der jeweiligen Konfession.

Pfarrer und Pfarrerinnen in Leitung Seelsorgeräume

Es wird auch zukünftig Pfarrer und Pfarrerinnen in der Leitung von Seelsorgeräumen brauchen, unabhängig aller Pilotprojekte von alternativen Leitungsmodellen. Ein paar Hochrechnungen dazu:

  • Es ist davon auszugehen, dass jeder der oben skizzierten 2.000 katholischen Seelsorgeräume auch zukünftig von einem Priester geleitet werden soll. Dabei besteht die Annahme, dass Priester nicht mehrere dieser Räume – die wiederum auch mehreren Pfarreien bestehen können – gleichzeitig leiten. Die ausschließliche Leitung durch Nicht-Priester bliebe zudem eine Ausnahme und Ordenspriester sowie Priester der Weltkirche übernähmen auch nur in Ausnahmefällen diese Leitungsrolle. Die Zahl der Priesterweihen liegt seit Jahren bei jährlich deutlich unter 50 mit klar sinkender Tendenz. Auch bei der optimistischen Annahme, dass sich diese Zahl bei 50 Weihen pro Jahr einpendelt, müssten alle Priester im Schnitt 40 Jahre ihrer seelsorgerischen Tätigkeit als Pfarrer wirken, um die 2.000 Leitungspositionen besetzen zu können.
  • Evangelischerseits ist die Situation leicht anders. Angenommen sei, dass es bei 2000 Seelsorgeräumen bleiben wird, also 5 pro Kirchenkreis. Im Regelfall wäre diesen jeweils eine ordinierte Pfarrperson leitend zugeordnet. Aktuell treten pro Jahr weniger als 200 neue Pfarrerinnen und Pfarrer ihren Dienst an. Bleibt es bei 200 pro Jahr, müsste jede diese Personen 10 Jahre ihrer Berufslaufbahn einem Seelsorgeraum vorstehen.

Struktur der Bistümer und Landeskirchen

Im Jahr 1950 gab es in Deutschland 28 ev. Landeskirchen, deren Zahl lag im Jahr 2000 bei 24 und heute bei 20. Gleichzeitig stieg die Anzahl der kath. Diözesen von 22 auf heute 27.

Denkbar ist, dass sich durch Fusionen die Zahl der evangelischen Landeskirchen weiter verringert. An verschiedenen Stellen laufen schon Gespräche.

Für eine Zusammenlegung von kath. Diözesen braucht es einen Impuls aus Rom, hier ist die Perspektive breiter:

  • Weltweit gibt es 3.000 Diözese für 1,4 Milliarden Katholiken, das sind knapp 500.000 Katholiken pro Diözese.
  • In Deutschland sind es 27 Diözesen für 19 Mio. Katholiken, also 700.000 Katholiken pro Diözese.
  • Wenn aber die Katholikenzahl bis 2050 auf die allgemein prognostizierten 9 Mio. sinken wird, sind es noch 300.000 Gläubige.

Nach weltkirchlichem Maßstab sind die deutschen Bistümer jetzt noch vergleichsweise groß. Auffällig sind dabei aber die Größenunterschiede: Das Bistum Münster hat mehr als 50 mal so viele Gläubige wie das Bistum Görlitz. (Ähnlich: Die Ev.-Luth. Landeskirche Hannovers hat 90 mal so viele Mitglieder wie die Ev. Landeskirche Anhalts.)

Alternativ zu Fusionen kann es zu einer stärkeren überdiözesanen Zusammenarbeit kommen: Wenn es heute schon überdiözesane Offizialate gibt, warum dann nicht auch überdiözesane Ordinariate, also gemeinsame Verwaltungsorganisationen?

Priestermangel aus weltkirchlicher Perspektive

Aus weltkirchlicher Perspektive wird der katholische Priestermangel aus einem anderen Blickwinkel betrachtet: Gibt es weltweit mit 400.000 Priestern 3.500 Gläubige pro Priester, so liegt heute dieses Verhältnis in Deutschland mit 11.000 Priestern bei 1.700 Gläubige, entsprechend eine doppelt so hohe „Priesterdichte“, also alles andere als Priestermangel.

Wenn man aber bedenkt, dass das Verhältnis vor 50 Jahren in Deutschland noch bei 1.000 Gläubigen lag und rapide steigt, dann sieht es wieder anders aus. Wenn man die optimistische Annahme von zukünftig 50 Weihen pro Jahr nutzt sowie davon ausgeht, dass im Jahr 2050 nur noch Priester im aktiven Dienst sind, die heute jünger als 45 Jahre sind und diese Zahl heute bei 750 liegt so käme man für das Jahr 2050 ohne Priester der Weltkirche auf 2.000 Priester im aktiven Dienst. Die ergäbe ein Verhältnis von 4.500 Gläubige pro Priester. Das kann man dann auch nach weltkirchlichen Maßstäben als Priestermangel bezeichnen.

Fazit

Was sagen diese Zahlen mit Durchschnittswerten, Prognoseannahmen und ohne eine genaue Differenzierung? Erst einmal nichts, weil die Interpretation fehlt. Aber gut interpretiert können solche Zahlen Analysen und damit auch Entscheidungen verbessern.

2denare-team-tdn_2025
Thomas de Nocker

Prof. Dr. Thomas de Nocker ist Theologie und Betriebswirt. Er forscht und berät als Geschäftsführer von 2denare an der Schnittstelle von Theologie und BWL.

angelika quadrat
Angelika Müseler

Die erfahrene Bank-Managerin bringt jahrzehntelange Expertise aus dem Finanzsektor sowie aus diversen Leitungspositionen mit. Nach selbständiger Tätigkeit als Unternehmensberaterin und Business Coach war sie als geschäftsführende Vorständin eines kirchlichen Trägers sozialer Einrichtungen tätig. Ihr Fokus liegt auf allen Zahlen-fokussierten Themen sowie im General Management.