Nachhaltigkeitsmanagement – Die Bewahrung der Schöpfung institutionalisieren

Es ist erstaunlich: Obwohl sich Deutschland als Vorreiter in nationalen Nachhaltigkeits- und Klimaschutzbemühungen präsentieren möchte, droht die EU-Frist zur Implementierung der CSRD-Richtlinie in das deutsche Rechtssystem zu platzen. Der Kabinettsbeschluss wurde bereits mehrfach verschoben, sodass ein Inkrafttreten bis Ende November immer ambitionierter erscheint. Offen ist beispielsweise, ob – wie in Frankreich – der Kreis der erlaubten Prüfer für die Nachhaltigkeitsberichterstattung über die klassischen Bilanz- und Buchprüfungsgesellschaften erweitert wird. Eine Öffnung für die Testiererlaubt erscheint nun, anders als zunächst im Referentenentwurf, als durchaus möglich. Die Resonanz auf den Entwurf ist jedenfalls groß.

Doch, halt, worum geht es hier? CSRD? Nachhaltigkeitsberichterstattung? Und was haben Kirchen damit zu tun? Eine ganze Menge – denn hier geht es um die „Institutionalisierung“ der Schöpfungsbewahrung!

Die Anfang 2023 in Kraft getretenen Richtlinie „Corporate Sustainability Reporting Directive“ (CSRD) geht aus dem „Green Deal“ der von Ursula von der Leyen geführten EU-Kommission hervor. Sie ändert den Umfang und die Art der Nachhaltigkeitsberichterstattung tiefgreifend und verpflichtet in Deutschland ab 2024 etwa dreißigmal Mal mehr Unternehmen als bisher, eine Erweiterung des Jahresabschlüsse um nicht-finanzielle Aspekte vorzunehmen. Deshalb findet derzeit auch die CSRD-Umsetzung in das Handelsgesetzbuch (HGB) statt.

Zur Berichterstattung verpflichtet sind stufenweise und je nach Größe Unternehmen aller Branchen. Der entsprechende Berichtsstandard „ESRS“ sieht eine Analyse von über 1000 Datenpunkten in den Bereichen Umwelt (E), Soziales (S) und guter Unternehmensführung (G) vor. Auch wenn es rein rechtlich wohl keine Verpflichtung zur Berichterstattung für Körperschafen des öffentlichen Rechts – wie es Kirchen oft sind – geben wird, stellt sich die Frage nach dem Umgang: Denn selbst eine rechtliche Verpflichtung zur rein finanziellen Bilanzierung nach HGB-Standards gibt es nicht – dennoch veröffentlichen die Bistümer und Landeskirchen seit etwa zehn Jahren ihre Jahresabschlüsse angelehnt an die auch für Unternehmen geltenden HGB-Standards. Mit der baldigen Umsatzsteuerpflicht für kirchliche Körperschaften, werden auch zunehmend Kirchengemeinden und Gemeindeverbände – wie im Erzbistum Köln – ihre Bilanzierung HGB-konform umstellen.

Nachhaltigkeit ist mehr als Klima

In einem durchdachten Umgang mit den CSRD-Richtlinien liegt eine große Chance für die Kirchen. Sie könnten mit gutem Beispiel voran und vergleichsweise einfach über die rechtlichen Anforderungen hinausgehen, denn bereits Bestehendes muss vielerorts nun klug zusammengeführt werden. Denn die Kirchen haben in der Praxis in Sachen Nachhaltigkeitsbemühungen viel zu bieten, wie zahlreiche Projekte und Initiativen verdeutlichen. Zudem ist die Erhaltung der Schöpfung theologisches Fundament, und Inhalt maßgeblicher Veröffentlichungen wie die Enzyklika Laudato Sí von Papst Franziskus (2015). In der EKD gibt es bereits seit 2017 ein entsprechendes Nachhaltigkeits-Referat. Anhand von Fallbeispiele lässt sich sogar aufzeigen, dass es große ökonomische Vorteile bringt, bereits jetzt entsprechende Nachhaltigkeitsstrukturen aufzubauen. Auch werden Zulieferer und Handelspartner immer genauer auf ihre Lieferketten schauen und wo diesen ebenfalls eine Transparenz der Nachhaltigkeit erwarten.

Die Kirchen könnten die aktuellen Entwicklungen nun aufnehmen und ebenso eine kirchenspezifische Institutionalisierung der Nachhaltigkeitsberichterstattung (und damit der Schöpfungsbewahrung) herbeiführen. Dabei ist Nachhaltigkeit mehr als nur „Klima“: So lassen sich die 17 globalen Nachhaltigkeitsziele in drei Nachhaltigkeits-Dimensionen Ökologie, Soziales und Governance übersetzen. Zur praktischen Umsetzung derer hat der Rat für Nachhaltige Entwicklung zunächst die Deutsche Nachhaltigkeitsstrategie erarbeitet und dann den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK) entwickelt.

Der DNK bietet einen praxisorientierten Leitfaden, um Nachhaltigkeitsleistungen transparent zu machen und eine Nachhaltigkeitsstrategie aufzubauen. Die 20 Kriterien des DNK decken die wesentlichen Bereiche einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsstrategie ab: Umwelt, Gesellschaft (Governance), Strategie und Prozess. Nach dem DNK berichten, heißt somit zur Umsetzung der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie beizutragen. Über 1500 Einrichtungen und Unternehmen haben bisher eine DNK-Erklärung veröffentlicht – kirchliche Einrichtungen sind nur vereinzelt auffindbar. Das mag daran liegen, dass noch kein branchenspezifischer DNK-Leitfaden vorliegt, so wie es bereits für viele andere Branchen wie der Freien Wohlfahrtspflege – deren Teil Caritas und Diakonie sind – der Fall ist. Viele Anforderungen aus dem CSRD-Kriterienkatalog sind in einem DNK-Bericht inbegriffen. Eine branchenspezifische DNK-Anpassung würde einerseits den Erwartungen aus Politik und Gesellschaft an eine standardisierte Nachhaltigkeitsberichterstattung gerecht werden. Andererseits würde sich genügend Freiheit für Anpassungen von Nachhaltigkeits-Charakteristika der Kirchen lassen.

Zum aktuellen Zustand der Nachhaltigkeit der Kirchen in Deutschland

Dass eine kirchenspezifische Anpassung der Nachhaltigkeitsberichterstattung sinnig ist, zeigt das Beispiel von EMAS (Eco-Management and Audit Scheme). Hierbei handelt es sich um einen zertifiziertes  Umweltmanagementsystem, dessen Anforderungen über die bloße Einhaltung gesetzlicher Umweltvorschriften hinausgehen. Mit dem „Grünen Hahn“ (in Süddeutschland „Grüner Gockel“ und in der Schweiz „Grüner Güggel“) haben die Kirchen einen eigenen Standard institutionalisiert, der stark an EMAS angelehnt ist. Die Einführung eines Umweltmanagementsystems bietet eine umfassende Möglichkeit, die Nachhaltigkeits-Dimension Umwelt abzudecken. Das wird auch in Zukunft immer bedeutsamer: Gerade in Jugendverbänden spielen die Themen Nachhaltigkeit, Ökologie und kritischer Konsum als Teil der Schöpfungsbewahrung eine herausgehobene Rolle.

Die Abbildung zeigt kirchliche Einrichtungen und Gemeinden, die entweder EMAS/Grüner Hahn oder ein anderes Umweltmanagementsystem (UMS) oder vergleichbares Nachhaltigkeitsmanagementsystem installiert haben. Auffällig ist die vergleichsweise hohe Abdeckung im Süden und Westen der Republik. Auch zeigt sich, dass etwa 80% der Zertifikate an Einrichtungen oder Gemeinden vergeben sind, die sich dem evangelischen Spektrum zuordnen lassen. Gleichzeitig lässt sich mit Blick auf den Großteil der „grauen Flächen“ ohne UMS feststellen, dass bundesweit noch viel „Luft nach oben“ ist.

Wie es sonst um die Thematik der Nachhaltigkeit bestellt ist, welche rechtlichen Hintergründe reinspielen und welche Handlungsempfehlungen sich insgesamt ergeben, erfahren Sie in unserem neuen Whitepaper „Nachhaltigkeitsreport der Kirchen in Deutschland 2024“ (erscheint am 19. Juni 2024).

Einrichtungen  und Kirchengemeinden mit Umwelt- bzw. Nachhaltigkeitsmanagementsystemen (blau=kath., orange=evang.)

Kirchliche Einrichtungen und Gemeinden, die entweder EMAS/Grüner Hahn oder ein anderes UMS- oder Nachhaltigkeitsmanagementsystem installiert haben, eigene Darstellung, Daten von kirum.org (2022) und emas-register.de (2024). Zur besseren Darstellung wurde jeweils das Postleitzahlengebiet der Einrichtung/Gemeinde markiert.

Der Politologe und Betriebswirt mit dem Schwerpunkt Non-Profit-Management and Governance beobachtet, dass die Thematik Nachhaltigkeit ganz oben auf der Agenda der Kirchen steht. Er hat zusammen mit Prof. Thomas de Nocker ein Whitepaper dazu erstellt, wie es um die Verankerung von Nachhaltigkeit in den Kirchen bestellt ist. Bei Interesse am Whitepaper, schreiben Sie uns gerne.